1. Ergebnisse des Klimaschutzgutachtens im Überblick
(1) Einleitung
Vor dem Hintergrund der internationalen Entscheidungsunfähigkeit und der Tatenlosigkeit der deutschen Bundespolitik erfordert ein aktiver Klimaschutz ein sofortiges und nachhaltiges Handeln auf der Ebene der Bundesländer und Kommunen. Die Landesregierung des Saarlandes hat deshalb im Sinne der "Agenda 21", die während der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro verabschiedet wurde, ein umfassendes Klimaschutzgutachten in Auftrag gegeben.
(2) Referenz- und Klimaschutzszenario für den Bereich Energie
Es wurden für die Entwicklung der Energienachfrage und des Energieangebotes ein Referenz- und ein Klimaschutzszenario bis zum Jahr 2005 entwickelt. Im Referenzszenario wurden die Entwicklungstrends berücksichtigt, die bereits heute in ihren Grundzügen angelegt sind. Entsprechend dem Zielpunkt der Bundesregierung für eine CO2-Minderung um 25 % ausgehend vom Basisjahr 1990 wurde ein Klimaschutzszenario konzipiert, das ein deutlich höheres Aktivitätsniveau für realisierbare Klimaschutzmaßnahmen erfordert als dies im Rahmen der Referenzentwicklung zu erwarten ist. Um die eher langfristigen Umsetzungszeiträume für regenerative Energien angemessen bewerten zu können, wurden darüber hinaus die Szenarien bis in die Jahre 2010 und 2020 - im Sinne eines Ausblickes - fortgeschrieben. Die Ergebnisse für das Klimaschutzszenario zeigen, daß bei bundesweiter Verfolgung einer aktiven Klimaschutzstrategie erhebliche Energieeinsparpotentiale im Saarland mobilisiert werden können:
• Gegenüber dem Referenzszenario kann der Endenergieeinsatz im Klimaschutzszenario um 20 % im Jahr 2005 verringert werden. Bis zum Jahr 2020 kommt es sogar zu einer Verringerung des Endenergieeinsatzes um 30 %.
• Gegenüber dem Basisjahr 1990 kann der Endenergieeinsatz im Klimaschutzszenario um 23 % verringert werden, während im Referenzszenario von einer weitgehenden Stagnation ausgegangen wird. Bis zum Jahr 2020 kann der Endenergieeinsatz sogar um 40 % im Vergleich zum Jahr 1990 verringert werden. Im Referenzszenario wird demgegenüber nur eine Verringerung von knapp 14 % erreicht.
• Mit dem Klimaschutzszenario wird eine Minderung der CO2-Äquivalente im Vergleich zum Referenzszenario von 24 % im Jahr 2005 und um bis zu 51 % im Jahr 2020 erreicht.
Das Klimaschutzszenario ist aber mit den Handlungsmöglichkeiten der saarländischen Landesregierung allein nicht zu realisieren und bedarf zusätzlich einer aktiven Klimaschutzpolitik auf der Bundes- und EU-Ebene.
(3) Umsetzungskonzept für den Bereich Energie
In einem Umsetzungskonzept wurden jene Maßnahmen und Instrumente zusammengefaßt, die von der saarländischen Landesregierung als Teil einer wirksamen Klimaschutzpolitik ergriffen werden sollten. In Abbildung 1-1 sind die Instrumentenbereiche für den Bereich Energie zusammengefaßt. Aber auch alle anderen Beteiligten im Saarland (Haushalte, Industrie und Gewerbe, Kommunen, Verbände, EVU etc.) müssen einen aktiven Beitrag zur Realisierung des Umsetzungskonzeptes leisten.
Mit dem Umsetzungskonzept werden gegenüber dem Referenzszenario zusätzlich Investitionen und Umsetzungskosten von rund 2,1 Mrd. DM für die rationelle Energienutzung sowie für den Ausbau der regenerativen Energiequellen erforderlich. Bis zum Jahr 2005 ergibt sich hieraus ein Aufwand für die Landesregierung von 160 Mio. DM (vgl. Tabelle 1-1).
Abbildung 1-1:
Instrumentenbereiche des Umsetzungskonzepts im Bereich Energie
Tabelle 1-1:
| Maßnahmenbereiche |
Aufwendungen |
Verteilung |
|
Einsparung im Gebäudebereich |
71,7 Mio. DM |
45 % |
|
· Öffentliche Gebäude |
33,4 Mio. DM |
21 % |
|
· Wohnungsneubau |
11,3 Mio. DM |
7 % |
|
· Wohnungsbestand |
27,0 Mio. DM |
17 % |
|
LCP-/Contracting-Programme |
1,4 Mio. DM |
1 % |
|
KWK- und BHKW-Ausbau |
25,8 Mio. DM |
16 % |
|
Regenerative Energien |
61,3 Mio. DM |
38 % |
|
· Windkraft |
2,5 Mio. DM |
2 % |
|
· Solarthermie |
42,4 Mio. DM |
26 % |
|
· Photovoltaik |
2,5 Mio. DM |
2 % |
|
· Biomasse |
10,0 Mio. DM |
6 % |
|
· Wasserkraft |
3,9 Mio. DM |
2 % |
|
Summe |
160,2 Mio. DM |
100 % |
Mit der Substitution des laufenden Verbrauches von Ressourcen durch Investitionen in intelligente Einspartechnologien sind für das Saarland deutliche regionalwirtschaftliche Effekte verbunden:
• Mit der Realisierung des Umsetzungskonzeptes für den Bereich Energie ist ein positiver nachhaltiger Arbeitsplatzeffekt für 660 Personen verbunden. Hierbei handelt es sich um einen fortwährenden Effekt über das Jahr 2005 hinaus.
• Werden die negativen Wirkungen auf die Kraftwerke und den Bergbau im Saarland bei den Arbeitsplatzeffekten ausgeklammert, erhöhen sich die Arbeitsplatzeffekte auf 1.340 Personen.
• Wird neben den direkt wirksamen Arbeitsplatzeffekten ein Multiplikatoreffekt von 1,3 unterstellt, erhöhen sich die ausgewiesenen Arbeitsplatzeffekte für das Saarland auf 860 Personen bzw. auf gut 1.700 Personen, wenn die Wirkungen auf die Kraftwerke und den Bergbau im Saarland nicht berücksichtigt werden.
• Die positiven Arbeitsplatzeffekte bleiben aber nicht auf das Saarland beschränkt. Für das übrige Bundesgebiet stellen sich ebenfalls positive nachhaltige Effekte mit knapp 300 Personen ein.
Bei den ausgewählten Maßnahmen und Instrumenten handelt es sich bereits um eine Auswahl notwendiger und erfolgversprechender Aktivitäten. Als Gesamtpaket sind sie aufeinander abgestimmt. Die Herauslösung einzelner Teile würde dazu führen, daß erzielbare Synergieeffekte nicht auftreten. Allerdings kann es sein, daß die saarländische Landesregierung die auf sie entfallenden Mittel nicht aufbringen kann. In diesem Fall sind politische Prioritätensetzungen erforderlich. Als Orientierungshilfe empfehlen die Gutachter, alle Maßnahmen zu realisieren, die für den Landeshaushalt nicht oder nur relativ geringfügig wirksam sind. Dies sind insbesondere
• Maßnahmen zur Beeinflussung des rechtlichen Rahmens auf Bundesebene,
• die vorgeschlagenen LCP-Maßnahmen,
• die Kommunikations- und Informationskonzepte,
• das Schulprogramm,
• die Setzung von Standards bzw. Empfehlungen für öffentliche Gebäude und
• die Kooperationen mit anderen Entscheidungsträgern.
Eine Verringerung der von den Gutachtern vorgeschlagenen Förderung von Kraft-Wärme/Kälte-Kopplung sowie der Nutzung von erneuerbaren Energien führt zu einer entsprechend geringeren Minderung der Klimagase und Abweichungen von der Zielsetzung. Auch bei der Energieeinsparung im Gebäudebereich führen niedrigere Haushaltsansätze zu einer geringeren Wirkung. Insbesondere gilt es zu beachten, daß eine starke Abweichung vom Handlungsbedarf die notwendige Motivation der übrigen Akteure stark erschweren würde.
(4) Referenz- und Klimaschutzszenario für den Bereich Verkehr
Im Referenzszenario wird für den Personenverkehr ein weiterer Anstieg des Verkehrsaufwandes um 14 % zwischen 1993 und 2005 erwartet. Danach ist mit dem Ausblick bis zum Jahr 2020 weitgehend von einer Stagnation auszugehen. Das Auto bleibt mit einem Anteil von ca. 80 % das dominierende Verkehrsmittel, obwohl Busse und Bahnen ihren Verkehrsaufwand zwischen 1993 und 2020 um 40 % steigern.
Für die Zukunft wird für den Güterverkehrsaufwand ein kontinuierlicher Anstieg erwartet. Ausgehend vom Jahr 1993 wird bis zum Jahr 2005 ein Anstieg um über 20 % und bis zum Jahr 2020 um 60 % erwartet. Der Anteil des Straßengüterverkehrs wird von 68 % im Jahr 1993 auf fast 80 % im Jahr 2020 zunehmen.
Mit dem Klimaschutzszenario sind Maßnahmen verbunden, die beim Personenverkehr vor allem zu einer deutlichen Steigerung des Verkehrsaufwandes bei Bussen und Bahnen führen sollen. Gleichfalls wird eine deutliche Zunahme des Füßgänger- und Fahradverkehrs gegenüber der Referenzentwicklung mit geeigneten Maßnahmen gefördert. Im Ergebnis kann der motorisierte Individualverkehr auf einen Anteil von 74 % am Verkehrsaufwand (Referenz-szenario: ca. 80 %) im Jahr 2020 begrenzt werden.
Beim Güterverkehr erhält vor allem der Bahntransport eine größere Bedeutung, so daß der Anteil des Straßengüterverkehrs im Jahr 2020 auf knapp 70 % begrenzt werden kann (Referenzszenario: knapp 80 %).
Mit dem Klimaschutzszenario für den Bereich Verkehr wird eine Minderung der CO2-Äquivalente im Vergleich zum Referenzszenario von 14 % bis zum Jahr 2005 und von 30 % bis zum Jahr 2020 erreicht.
(5) Umsetzungskonzept für den Bereich Verkehr
In einem Umsetzungskonzept wurden jene Maßnahmen und Instrumente zusammengefaßt, die von der saarländischen Landesregierung für den Bereich Verkehr ergriffen werden sollen. Die entwickelten Handlungsansätze konzentrieren sich auf
• raumstrukturelle, verkehrsvermeidende Maßnahmen,
• die Förderung des Umweltverbundes mit Schwerpunkt auf den Ausbau des ÖPNV,
• Restriktionen für den motorisierten Individualverkehr mit einer am Umweltverbund orientierten Straßenraumgestaltung und
• ein Kommunikationskonzept.
(6) Sonderuntersuchungen zur Land-, Forst- und Abfallwirtschaft
Die mit der Energienutzung verbundenen CO
2-Emissionen sind nur ein Teil der klimarelevanten Gasemissionen. Um insbesondere die Reduktionspotentiale bei Methan und Distickstoffoxid umfassender bewerten zu können, wurden in die Untersuchungen die Bereiche "Land- und Forstwirtschaft" sowie "Abfallwirtschaft" in einer weniger detaillierten Analyse als die zuvor beschriebenen Bereiche Energie und Verkehr einbezogen.Mit einem Anteil von zusammen ca. 2 % an den emittierten CO2-Äquivalenten sind diese drei Bereiche für die Klimaschutzstrategie des Saarlandes relativ unbedeutend. Gleichwohl wurden auch für diese Bereiche verschiedene Maßnahmen und Instrumente vorgeschlagen, die zu einer Minderung der Klimagasemissionen beitragen können.
(7) CO2-Bilanzen
Die Entwicklung der emittierten CO2-Äquivalente stellt sich in den Szenarien wie folgt dar:
• Während sich im Referenzszenario bis zum Jahr 2005 eine Stagnation der CO2-Äquivalente im Vergleich zum Basisjahr 1990 ergibt und erst nachfolgend bis zum Jahr 2020 eine Minderung um 13 % eintritt,
• können mit dem Klimaschutzszenario und den damit verbundenen Reduktionsmaßnahmen die klimarelevanten Emissionen um 22 % bis zum Jahr 2005 und um 47 % bis zum Jahr 2020 gesenkt werden.
Mit dem Umsetzungskonzept für alle Bereich lassen sich die im Klimaschutzszenario ausgewiesenen Minderungspotentiale für die CO2-Äquivalente nur zum Teil realisieren (vgl. Tabelle 1-2). Im Vergleich zum Basisjahr 1990
• können mit dem Umsetzungskonzept zwar die klimarelevanten Emissionen um 6 % bzw. 9 % (ohne Eisenschaffende Industrie und Bergbau) reduziert werden und stellen damit schon einen meßbaren Erfolg gegenüber der Stagnation im Referenzszenario dar,
• aber von einer Erreichung der 25 %-Minderung wie von der Bundesregierung als Zielmarke definiert wurde, ist auch das Umsetzungskonzept noch weit entfernt.
Wird berücksichtigt, daß das Umsetzungskonzept bereits erhebliche Aktivitäten nicht nur durch die Landesregierung, sondern auch durch andere energiepolitische Akteure im Saarland erfordert, wird deutlich, daß dringend von der Bundesregierung weitere Schritte zur Erreichung der von ihr festgesetzten CO2-Minderungsziele erforderlich sind.
Tabelle 1-2: Minderung der CO2-Äquivalente im Umsetzungskonzept im Vergleich zum Referenzszenario im Jahr 2005
| Minderungsbereiche bzw. Minderungsmaßnahmen |
CO2-Äquivalente |
Verteilung der Minderungspotentiale |
|
Einsparung im Gebäudebereich |
236 |
19 % |
|
Least-Cost-Planning |
412 |
34 % |
|
Regenerative Energien |
193 |
16 % |
|
KWK- und BHKW-Ausbau |
311 |
25 % |
|
Verkehr |
31 |
3 % |
|
Landwirtschaft |
23 |
2 % |
|
Abfallwirtschaft |
14 |
1 % |
|
Summe |
1.220 |
100 % |